Gedichte (2014)

Menschen und Bäume

Menschen sollten ganz wie Bäume sein,
erhaben und doch nur Teil der Welt,
in ihren Wurzeln mit allem eins,
dort gewachsen, wo es gefällt.

Doch in einem zeigt der Baum sich überlegen:
das ist das Miteinander seiner Art:
in Geduld und ohne Drang zu regen
in Frieden um ihn herum verharrt.

Und fehlt dem Baume auch an Stolz,
was Menschen nur zu oft ergreift:
So steckt das Wesen in seinem festen Holz,
und ohne Eifer oder Ziel gereift.

Am wichtigsten aber scheint mir zu sagen,
dass Bäume einander nie sich messen:
Was dem Größten gereicht zu ertragen,
wird dem Kleinsten nie vergessen.

Und Eifersicht mischt sich ins Laub,
vergeht mit winterlichem Glanz:
Verträglich und an Widersinn beraubt,
entspricht dem Ideale ganz.

Zuletzt, da bleibt der Mensch vereint,
wird niemals wie ein Baum sich mühen:
Ihm voraus und überlegen meint,
wird doch vor dem letzten Gehölz auf Erden
in Verdrießlichkeit verblühen.

Alte Schule

Mit schaden Augen, mit satten Augen,
so selten sie mich auch erkennt,
immerschon begehre ich zu wissen,
was sie Schmerz und Liebe nennt.

Solange ich an Freunde denke,
weiß ich klar um ihr Gemüt,
das erst, seitdem sie lieben kann,
für kurze Zeiten hell erblüht:

Und sehe ich mich nicht gerne
inmitten eines Blumenmeer?
Wenn sie die Blume, ich Betrachter
oder besser noch – ihr Liebstes wär'?

So ward ich einstmals eingehüllt,
betört von Duft und Jugendsinnen;
wünsche heute, was sie einst blühen ließe,
sollt' die Blüte nur von vorn beginnen.

Der Umriss scharf, die Farbe echt,
Geruch und Wesen eingeprägt:
Die Suche weilt, ich atme fort,
die Hoffnung darauf abgelegt.
Denn du warst mir die erste Blume,
als ich von Pflanzen noch nichts verstand':
So bist du mir auch die letzte Blume,
von der Sehnsucht mir bekannt.

Mäßigung

Nun trete ich den Pfad der Unvernunft,
und bar dem Weg ich bald verrecke,
erkenne stolz das Leben hinter mir
und die Mühseligkeit zu diesem Zwecke.

Verräter nennt mich mein Gewissen,
und schallt mir unwahr beider Ohren,
da ich so voller Tatendrang gelebt
und doch nur nackt und arm geboren.

So scheint es Wahnsinn fortzufahren
mit jenem friedevollem Geben,
das mich unlängst knechten wollte
und zu Unterjoch verweben.

Das alles also nennt sich »Menschenleben«,
und ist doch nichts als Sand im Meer:
Vergessen, vermischt unter seinesgleichen,
verkommen und an Hoffnung leer.

Was sind die letzten Worte unserer Art?
Woher stammt die uns zugesprochene Ehre?
Was ist mir Dasein, euch Verfall,
wenn ich Philosoph, und nicht Dichter wäre?

Bittgesuch um Gnade

Lebe stolze Himmelsgabe,
fern von allem bösgemeinten Tun,
weiß und gerne von ihrer Habe
in ihrem versteckten Horte ruhn'.

Vermag ich kaum zu konzentrieren
den Leidensfluss der neuen Welt,
bin ich bedacht mich zu verlieren,
die Zuversicht mich einbehält.

Verkomme bald in echten Sorgen,
Bestehen oder mich verletzen.
Ist es Bangen an jedem neuen Morgen,
mich dem Wohlstand bewusst zu widersetzen.

So sage mir, mein treues Bittgesuch,
das ich zu wissen aufbegehre:
Ist Wahnsinn mir Gabe oder Fluch,
dem ich mich stelle oder ganz verwehre?