Gedichte (2015)

Geheimnis

Gescholten und der Liebe fern,
sehe ich den Briefumschlag in meiner Hand.
Kenn' den Inhalt und hab' ihn gern,
sich niemals Wichtigeres an mir befand.

Tausendfache schöne Stunden
in Bild und Wort für alle Zeiten
sollen Heil und Weh bekunden,
und Verdrießlichkeiten mir bereiten.

Sodoch ich weiß, was er enthält,
den Umschlag nicht zu öffnen wage,
vergeht der Zauber doch, der mir gefällt,
den Verlust ich dafür kaum ertrage.

Ein Schatten bindet mich an Geschicke,
dem Leben fürchtig, der Hohheit bar,
ermahnt ich Vergangenem entgegenblicke,
der Hoffnung, der Gefahr.

Und schützt ein Bildnis an der Ecke,
im Fluge quält mich das Versagen:
Ich den Kummer tiefer in mir verstecke,
je weiter die Bilder aus dem Umschlag ragen.

Küss' die Luft und bete in die Leere:
Halte Raum, misstraue dem Verstand.
Gefalle, wer sich tot belehre,
geschlossene Augen, am Brief die Hand.

Die dritte Sicht

Im Einverständnis meiner Seele,
so fern und wahllos in mir drin,
ich ungeahnt und treu befehle,
was ich wäre; was ich bin.

So sehe ich der Menschen Liebe
in beschämend-lächerlicher Weise,
wie gern ich deren Schmach vertriebe,
und mich fremd erkennend heiße.

Auch tot und leer kann ich beschauen,
das gleiche, mich verletzende Motiv.
Und mag behende mir erbauen,
das ich zu fürchten zu mir rief.

Aus dritter Sicht jedoch
sey der Liebe Ehre ausgesprochen,
zu beachten und ergeben noch,
was unverhofft uns angebrochen:
Verzeih', was töricht und benebelt sagte,
wer bleibt, um würdig sich zu zeigen:
Dem Unmut Mut zu lehren wagte,
der Liebe sich doch zuzuneigen.

Lebenskraft verrinnt mir zuweilen,
weil unbedacht die Zeit vertut,
das Schicksal brauchbar zweizuteilen,
das eine stirbt, das andere ruht.

Über mich

Beseelt, vertraut,
entehrt, gestaut,
begehrt, erlaucht,
gewollt, gebraucht.

So ließe sich in Kürze zusammenfassen,
was mir im Leben widerfahren,
den Stolz bewusst zurückzulassen,
um zu sein, was sie einst waren:

Mich treibt Ungehorsam schwer dahin,
wogegen sich die Ängste richten,
dass ich vielleicht erlösend bin,
jedoch die Lösung selbst mitnichten.

Und geb' ich auf, und werd' wie sie:
die Wahrheit sich bedächtig neigt,
erreiche ich im Tode nie,
was mir im Traume aufgezeigt.

In Wandelbarkeit

Die Erinnerung, sie reißt mich nieder
und hellen Lauts erreicht mich dann
der Widerspruch, er käme wieder,
dass ich bewusst vergessen kann.

Abgöttisch bedürfe ich dem Wahren,
halte Lob für Tadellei,
musste dabei arg erfahren:
Wenn ich beginne, so geht's vorbei!

An Edlem sehe ich mich schätzen,
nur fürbringt mich im Fall herauf,
von Ungewissheit loszuhetzen,
ins Verderbliche hinzu ich lauf.

Beim Wege mir vorweggenommen
– bestelle ich der Leben Lohn –,
am letzten Tage wollt' ich kommen
von heraufgezeigter Buße schon.

Und immer, wann ich um Gnade bete,
bemerkt in Eifer mein Verstand:
Wogegen ich in Überzeugung trete,
desselben ich zuviel befand.

Der Verlust

Mahnend stehe ich vor einem Spiegel,
der Finger zeigt auf Unbedarf.
Er nennt mir ein-zwei Gedanken,
die ich schon hörte, bald verwarf.

Sie schelten mich »den Ruhelosen«,
der erst bekennt, wenn alles stirbt.
Ich gestehe diese Schuld mir ein,
so ich es bin, der sie verdirbt!

Vergangenheit ist mir noch Gestern,
und greif' nach ihr in leeren Raum.
Ich habe nichts; werde niemals haben,
Besessenheit war nur ein Traum.

Die Hand geknickt, einer Kralle gleich,
begehre ich mich selbst zu fassen.
Aus dem Lauf der Zeit herauszuziehen,
den vorbestimmten Weg zu verlassen.

Unfähig dem Sinken abzuhelfen,
sehe ich traurig und entwürdigt nunmehr
dem gesunkenen Schiff zum Grunde nach,
meinem Leben, meinen Chancen hinterher.

Es eilt die Regel, es mag verstehen,
wann immer mir das Ziel entrissen:
Es führt zu Selbstsucht, gleicht dem Wahnsinn,
und lässt mich Mut und Stolz vermissen.