Lyrik der 2020er Jahre

Angespalten

25. Juni 2021

Habe ich nicht immerfort
Dir Herz und Geist gereicht?
Dir, mit deren Eitelkeit
sich allein Natur vergleicht?

Ist nicht eingegangen in alle Tage
Schrecken, Stolz und Glaube?
Ein Treiben, zu dessen Ursache
ich mir Maßlosigkeit erlaube?

Will nicht würdigen ein eines Mal
Dein kaum verkannter Augenblick?
Falle ich, mit offenen Wunden,
in die Wirklichkeit zurück?

Unnahbar will man Dich benennen;
keines Titels wird gerecht –
was ohne Hoffnung erst geboren,
und am Leben bliebe schlecht.

So heißt mein Urteil: Hoffnungslos.
Und Zweifel lenken meine Schritte,
wenn ich vor Nacht und Gefahrenlage
um dein Wohlgefallen bitte.

Denn stolz und eitel kann auch ich sein;
bekenne mich zu Astorgie.
Lebe, so gut ich es nur kann,
erreiche wahres Dasein nie.

Was mir zusteht, was mir fehlt,
heißt beides gleich mit einem Wort:
bekümmert mich um keines Willen
die Rückkehr an den einen Ort?

Dort, wo ich dereinst gewartet habe,
mich einst verliebte in einen Traum.
Woher sich meine Gabe speist
und Verlegenheiten kaum.

Ist nicht recht anzuraten,
Du mögest um Vergebung bitten?
Dass ich seit Ewigkeiten schon
an Unvergänglichkeit gelitten?

So falle mir anheim – geliebtes Wesen,
verheiße Kummer, der Du bist.
Unbeirrbar wird mein Glauben bleiben,
weil Glauben meine Liebe ist.

Ohne sie

16. November 2020

Verweile ich an meinem Fenster,

erhöre leise ferne Laute,

bin gehemmt zu jeder Regung,

erkenne schon die mir Vertraute.

Will, dass sie mich niemals sieht,

verberge mich in falscher Scham.

Will, dass sie auf ewig von mir weiß,

vergehe sonst in Schuld und Gram.

Zwiespalt ist mein Waffenbruder,

Vernunft verloren durch Verrat.

Was immer ich für Abscheu wirke:

Ich es nicht aus Liebe tat?

Muss sie wissen in meinen Armen,

lieblich sein in allen Träumen.

Bedenke, dass mir alle Wünsche

den Hof der Hoffnung erst beräumen!

Träume gerne unerkannt,

ernst und eifrig ist das Bild;

gebe ihr als Unterpfand

mein Seelenheil, kahl und wild.

Geht sie vorüber, schwindet bald,

weinend schaue ich ihr nach.

Wird sie je begreifen, dass dereinst

mein kleines Herz von selbst zerbrach?

Wird sie, wann immer ich zu ihr bete,

meiner Hingabe klar bewusst?

Bin ich willig zu bekennen, dass mir ihr Fehlen

mehr bedeutet als Verlust?