Vers-Sammlungen

Neudichtung der Germanischen Mythologie

Diese ist eine moderne Dichtung der germanischen Mythologie als Lehr-Beschreibung für unser aller Kinder und damit unser ursprünglicher, jedoch vergessener Glauben für alle Zeiten erhalten bleibt.

Entstehung der Welt

Chaos und Dunkelheit,
die wahren Brüder des universellen Sein,
standen, einander entgegenblickend
und von untrügbarem Schein,
wie verharrt vor der Weltenachse,
wuchsen und schliefen,
darben und narbten,
schwiegen und riefen
der Welt ihr Urteil aus:
Gaben an, was deutend ist,
wiesen aus, was fällt in die Finsternis
und bezeugten auf ewig ihren unhaltbaren Zwist.

Allvater, der unsichtbar allheilig ist,
riss mit unendlicher Gewalt
in die Gefüge allen bloßgelegten Seins
einen unendlich tiefen Spalt,
der da hieß Ginnungagab.

Diese als erste zu bezeichnende Struktur
war tief und rein in ihrem Fall,
die Wände karg und unbewachsen,
in Felsenklüften der unbeschmutzte Schall.
Und was uns allen jemals widerfährt,
so wird es hallen in der Spalte nicht erahnten Tiefe:
Drum' wisse um diesen Riss im Zeitgefüge,
in dem sich selbst die Zeit verliefe,
in der Tiefe Ginnungagab.

Und Allvater schuf des Weiteren
mit seiner unsagbaren Macht
die Welten Nifelheim und Muspelheim,
von Gegensätzlichkeit wohl bedacht:
Während Nifelheim, einsam und kalt von Eis
und im Nebel stets verborgen,
verhüllt von Dunst und Frost
nördlich von Ginnungagab gelegen,
bestand Muspelheim südlich desselben,
war heiß und von glutheißem Gestein:
Funken fliegen und erhellen das ewige Licht,
Lavaströme und Vulkane sollen dort sein.
Und wie sich hier die Erde feuerrot verfärbt,
ist Nifelheim in Weiß gemalt;
Während in Muspelheim grauer Qualm steigt
und die Asche die Felsen kahlt,
die Nacktheit des Gesteins verspottet und der Himmel
geschwärzt durch undurchdringlichen Dampf,
so ist es in Nifelheim ein Zwingen aus Kälte und Trauer
und ein zwischen ihnen währender Kampf:
Gleich einem betrauerten Wesen,
das sich selbst hasst und wenig nützt,
ist diese Welt durch klafterlange vereiste Zapfen,
gegen den Raum um sich herum geschützt.
Höhen und Täler, geformt aus ewigen Eis,
erstarren unter der allgegenwärtigen Herrlichkeit,
und sehen sich, gleich Bruder Hagel und Schwester Schnee,
zu beeindruckender Ehrfurcht bereit.
Denn niemand soll je gesprochen haben,
es würde ihm fröstelnd sein,
wenn er nie zuvor in seinem losen Leben
gewandelt ist durch Nifelheim.

Doch eben hier, in der eisigen Welt Nifelheim,
in einer Schlucht, wo vereiste Wasserfälle
umringen diese in ihrer betagten Starre
die von kaltem Wasser klare Quelle
Hvergelmir, die heilig ist
und von Schlangenknochen hoch gesäumt,
und ein jeder Verdurstender
von ihrem tiefen blauen Wasser träumt.
Doch vergeblich wäre dieser Durst,
denn Nidhöggr ist der Quelle Wache.
Sie ist es, die da lauernd liegt
und – halb Schlange, halb stark bewehrter Drache –,
all jene verschlingen wird,
die sich ihrer Quelle nähern:
Und der Quelle ungeahnte Heiligkeit zu wissen,
ist selbst für die mutigsten Helden
ein gar hoffnungsloses Begehren.

Unter Nidhöggrs schuppigen Geschwänz
fächern sich elf Flüsse auf:
Gesättigt vom Gift der Schlangenwache,
führen sie bis Ginnungagab ihren Lauf,
umwinden die kargen Tiefen von Nifelheim,
treten über spitzes Eis,
um in die tiefe Spalte hinabzusickern,
als ehrerbietiger Beweis
ihrer heiligen Herkunft Hvergelmir.

Suöl, Gunnthra und Fion,
so der Flüsse erste Namen,
die mit Fimbul, Ylgur, Slidur und Wyd
aus Nifelheim geflossen kamen.
Kridur und Sylgur kreuzen stromesschnell
die vereisten Wüsten und verschneiten Flur,
brüderten mit den anderen Strömen,
so auch Thul und Liftur.

Sobald das Wasser in den Schlund Ginnungagabs
geflossen und gefallen war,
gefror es sogleich zu hartem Eis
und stellte sich als Blockwerk dar,
das tiefer stürzt, als man sehen kann,
so tief, dass vom Aufprall und Zerschmettern
die Laute kaum aus der Tiefe dringen
und schon gar nicht bis zum Abhang klettern.

Manchmal, so zeigen es die alten Schriften,
spricht man von einem Nifelheim,
das gleich sein soll – mit Ginnungagab,
doch soll dies nur ein Vorwand sein,
da die Kälte an beiden Orten unerträglich,
die Einsamkeit umso mehr besteht,
und auch durch beide bitterkalten Welten
der gleiche frostige Eiswind weht.
Und außerdem, so heißt es weiter,
erstarre alles, das in diese Spalte fällt
zu purem Eis und verglast die Wände,
dieser Spiegel-kalten, tiefen Welt.

Neben der kalten und der heißen Welt,
die Nifelheim und Muspelheim da heißen,
und den Tiefen der Spalte Ginnungagab,
die einen Abgrund zwischen beide reißen,
gibt es nur den unendlichen Raum.
So weit und endlos, wie die Spalte tief.
In ihm wohnt der Gott Allvater,
der Spalte und Welten ins Leben rief.

Und außerdem schuf er das Leben,
das erste Leben des Universums gar!
Surdri hieß dieses erste aller Wesen
und nichts anderes als ein Feuerriese war!
Den man auch »den Schwarzen« nannte,
in Muspelheim natürlich wohnt,
und dort als alleiniger Herrscher
über eine Welt aus Feuer thront:
Tagtäglich trainiert er voller Energie
mit einem flammenden und verbrannten Schwert,
das im Kampf gegen die Asengötter
zum Ragnarök auf diese niederfährt.
Sie besiegend und die Welt entzündet,
reinigt sie sich im Weltenbrand,
so wird entstehen, aus einem alten Dasein
ein jung geborenes, neues Land.

Wenn Surdri für den Beginn
des Weltenendes hart trainiert,
so schleudern Funken und Geschwade,
die sein Flammenschwert verliert,
gegen das ewige Eis Ginnungagabs:
Kalter Dampf steigt rasch empor.
Doch wie die Feuchtigkeit sofort gefriert,
sinkt sie in die Tiefe, wo sie war zuvor.

Wie sich einige Flüsse aus Nifelheim
zu weit von ihrer Quell' entfernten,
das in ihrem Wasser fließende Schlangengift gerann,
und sie bald zu erstarren lernten:
Langsam nur noch ging der Fluss,
das elende Gift wurde starr und fest.
Und weil die Gifte nicht im Frost beständig,
verdunstet bald zu Reif der Rest.
So wuchs immer weiter, Jahr um Jahr,
ein aus giftigem Reif gebildeter Dunst
über den Abgrund Ginnungagab,
zwischen Frost und Muspelheims Feuersbrunst.
So füllte dieser tote Nebel
auch der Spalte Tiefe aus.
Ließ aus seinem elend Atem
kein Leben und kein Licht heraus.
Doch im Spiel von Muspelheims Feuer
und Nifelheims ewigen Winter
lösten sich die Dünste zu neuen Tropfen
und gebaren Ginnungagab zwei Kinder:
Ymir, der als erster aus der Spalte fuhr,
war eine als Ur-Riese bekannte Kreatur.
Bös' von Natur und schlecht im Treiben,
bestimmte ihn sein Zorn zu bleiben.
Ymir, der nie als Gott betrachtet,
steigt am Kliff der Spalte rasch empor,
drückt sie mit seinen Armen auseinander,
weiter noch, als Allvater je zuvor.
So denn kann auch die zweite Kreatur,
die geboren in dem dunklen Spalt,
an der Öffnung in die Höhe klettert,
findet an den kargen Wänden Halt.
Hervorgegangen aus giftig' Gasen,
Frost und tausendfacher Hitze,
schaute sie Ymir nach und dem Bösen zu.
Doch ist diese Kreatur – Audhumla – kein Riese,
sondern eine Macht-erfüllte Kuh.

Aus Audhumlas vier großen Euter-Zitzen
ein Strom aus Milch sich ergoss.
Und Ymir, täglich davon trinkend,
seinen Hunger stillend diese Milch genoss.
Die Kuh jedoch fand nichts zu fressen,
und um nicht hungernd zu verrecken,
ergab sie sich, mit ihrer Zunge
die vereisten Felsen abzulecken.

Als sie eines Tages ständig
an einem salzigen Felsen herumgeleckt,
traten hervor am Abend Männerhaare,
und ihr Interesse nun geweckt,
leckte sie fortan den Stein,
so erschien bald schon ein roter Zopf.
Nach weiteren Stunden eifrig' Leckens
nun der ganze Männerkopf.
Am nächsten Morgen hat sie gesehen,
dass sie einen Mann hat freigelegt,
der Gott Bur war damit geboren,
dieser als Stammvater aller Asen
somit bald die Welt belebt.

Eines Tages legt sich Ymir ermattet
und von der fetten Milch genug,
zum Schlafen nieder und bemerkt so nicht,
dass eine Flamme neben ihn in den Felsen schlug:
Eine Flamme, von Surdris Schwert geschleudert,
brennend heiß will sie das Gestein erhitzen,
und unwissend und an Ruh beseelt
bringt sie des Riesen Körper rasch zum Schwitzen:
Da krauchen unter seinen starken Armen
hervor zwei erschreckend belebte Riesen.
Einer männlich, einer weiblich, ohne Namen,
die sich auf das dritte Kind verwiesen,
das als Riese Thrudgelmir aus Ymirs Schweiß
an dessen nassen, blanken Füßen
in konkreter Form zu erscheinen weiß.
So abscheulich die Gestalt des Riesen,
so böse war sein wilder Geist.
Sechs Köpfe und ein Horn an jedem,
das den Sohn abstoßend heißt.
Thrudgelmir, der fürchterliche Riese,
als Großvater aller Eisriesen bekannt,
hat durch sich und seine Nachschaft
den Krieg mit den Asen von Grund auf entbrannt.

Kurz, nachdem der Bur geboren,
entwuchs aus ihm ein Göttersohn:
Vom Namen Bor und edelmütig
und mit hart herrschendem Ton,
nahm er sich Besla zur Frau.
Sie, als Riesen-Tochter, im Angesicht
ihres Vaters Bølthorn untergnaden
und im zu Bor gerichtetem Licht,
gebar ihm kein Jahr darauf
drei ungezähmte, muntere Knaben.
Und sie an sie als die ersten Asen
die Namen Wotan (= Odin), Vil und Ve vergaben.
Diese drei Herrscher über alles Leben,
ewig über Recht und Gnade sprechen,
verkörpern sie die gute Sache,
kämpfen gegen Leid und Verbrechen:
So auch gegen Thrudgelmir und Seinesgleichen,
deren böser Charakter widersteht.
Ist doch deren Wünschen nur zu deutlich,
dass das Asen-Geschlecht vergeht.

Die Riesen von der Ausgeburt des Schlechten,
brachten Hass und Unrast auf die Welt.
Lebten im ungedeckten Maße
und von jeder Gunst verprellt.
Launisch und unbedacht ihre Worte,
falsch und unrecht ihre Taten,
war es die Pflicht der Asengötter,
die im Krieg ihnen entgegentraten.

So lange währte der gleiche Kampf
und schimpft sich gar heut' als ohne Sinn.
Denn was für die Riesen ein Verlust,
war für die Asen kein Gewinn!
Fast ewig dauerten die Schlachten,
Gefallene erhoben sich erneut,
der Blutdurst unsterblicher Wesen,
von keiner Seite gemildert oder je bereut.

Eine arge List brachte den Entscheid,
von den drei Asenbrüdern auserkoren.
Um die Fehde zu beenden,
die von keiner Seite je gewonnen, je verloren.
Vil ersann den Riesen Ymir als Ziel,
Ve erspähte seine Fährte,
und wie Wotan den ersten Hieb begeht
und sich in aller Augen Blutwahn mehrte,
hieben sie ihm die Glieder ab,
rissen Körperteile aus ihm heraus.
Und wie Ymir um sein Dasein flehte,
stach man ihm die Augen aus.

Geschunden durch die wilden Taten,
ward der Krieg sogleich beendet.
Und sich mit Ymirs Tod alsbald
die Beschaffung des Universums wendet!

Vom Blut ertränkt, das Ymir entströmt,
verenden alle letzten Riesen-Krieger.
Allein Bergelmir mit seinem Weib
finden sich als Überlebende wieder.
In ein Boot gerettet und dabei
die ganze Habe, die ihnen blieb,
war es ein Land namens Jötunheim,
zu dessen Küste es sie trieb.
Dort ließen sie sich willkommen nieder,
und gründeten einen neuen Schlag.
Ein neues Geschlecht von Riesen-Kindern,
denen nicht minder am Tod der Asen lag.

Der tiefe Spalt Ginnungagab,
der nach allem Toten trachtet,
erfreute sich an Ymirs Leichnam,
den Wotan bis an dessen Rand verfrachtet,
und mit seinen Brüdern Vil und Ve
den blutleeren Körper in die Tiefe stößt.
Dort und widersetzend seines Schicksals,
wird er zu fremdem Zweck entblößt:
Nicht lange beraten sich die Brüder
und Einigkeit findet ihren Schluss:
Während das Blut bereits die Meere bildet,
aus dem Fleisch Midgard entstehen muss.
So formt man aus dem Leichnam Stück für Stück,
einen Teil der Welt, und die Welt an sich.
Und Midgard, das Mittelreich des Menschen,
ist der Teil, der am wenigsten veränderlich.

Aus den harten, schweren Knochenresten,
wird die Landschaft aufgerichtet:
Getürmt zu Niederungen und Bergesrücken,
alle Last der Welt auf ihnen wichtet.
Ymirs Hände, entgegengefaltet,
kehlen den Boden der Meere aus.
Vom Fußskelett die einzelnen Zehen
stehen im Meer als Inseln heraus.
Und wie die Brüder den Leichnam zerschnitten
und in ihm die Knochen packten,
so quoll das helle Mark hervor,
sogleich sie die Knochen mit bloßer Hand zerknackten.
Mit Knochenstaub sich eifrig mischend,
das Mark sich über der Brüder Hände ergießt.
Und wie es tropft von ihren Leibern,
zu Seen und Sümpfen zusammenfließt.

Wie Vil den toten Leib zerlegt
und Ve die roten Brocken nimmt,
sich Leben in der Leiche zu regen scheint
und Geflüster aus dem Fleisch beginnt.
Wotan horcht auf und hält die Brüder an,
ihr dummes Treiben zu beenden.
Nur ließ er sich von falscher Wahrheit,
der Wahrheit eines Gotts, verblenden.
Das Gewisper tönt tief aus dem Fleisch
und wie Vil es an seine Ohren hält,
reißt Ve der Laute Quell' in tausend Stücke,
gleich wie es seiner Wut gefällt.
Die kleinen, flüsternden Brocken,
die sich über ganz Midgard verteilen,
entsprechen heut' dem ängstigenden Nebel,
in dem noch immer die Stimmen verweilen.
Aus dem Rest an Fleisch treibt Wotan aber
die flüsternden Wesen bald heraus:
Er entdeckt so viele kleine Maden,
die gerade noch beim Totenschmaus,
nunmehr wie Ymir umgeformt,
zu neuem Zweck in ihrem Leben.
So werden ihnen die Asenbrüder
das Aussehen der ersten Zwerge geben.
Aus den anderen Wesen,
die den Maden beim Zersetzen halfen,
formten die Brüder wegen ihrer guten Seele
weise wie schöne Feen und Elfen.

Nachdem dem Schädel die Haut abgezogen,
setzte man ihn der Welt als Himmel auf.
Ein Gewölbe unbegrenzter Tiefe
und von unermesslich unerforschtem Lauf.
Die Zähne ausgerissen,
stach man sie in die junge Erde,
damit aus ihnen der Klippenwall
einer jeden schroffen Küste werde.
Das blond-rote Haar von Kopf und Bart,
legten die Brüder der Welt zu Füßen,
um den kargen Boden Midgards
mit Bäumen und Gräsern zu begrüßen.
Hoch wuchsen die Eichen und fortan
um Midgard eine Grenze ziehen.
Ymirs Gehirn verteilt sich am unbedeckten Himmel
und lässt nun Wolken voreinander fliehen.
Seither fällt ein ständiger Wolkenschatten
auf diese Eichen in den Bergen und an den Küsten.
Und der Vorhang der grimmig-werfend' Schatten
die Menschen in Midgard vor den Riesen schützen.

Vier Zwerge wurden auserwählt,
den Schädel Ymirs zu stützen.
An allen vier Enden weilen sie
und werden allein der Ewigkeit nützen.
Aus Westen bläst Westre am Himmelszelt
und Südre aus dem Süden.
So müssen sie dem stolzen Windolf,
dem Vorsteher aller Zwerge, genügen,
der am Himmelsdach herumgeht
und mit strengem Ton befielt:
dass Nordre kalt in den Norden stößt
und Austre mit seinem Atem nach Osten zielt.

Aber über dem Himmelsschädel herrschte Dunkelheit,
unendliche Weite, doch ohne Sterne.
So verschafften sich die Asenbrüder
von Surdris Schwert in Muspelheims Ferne
ein paar Funken und Feuerblitze.
Mit festem Platz erleuchten sie die Nacht.
Und wie die Planeten geordnet ihre Bahnen ziehen,
die Mimik des Mondes über das Geschehnis wacht.

Wie der Mond von der Kutsche gezogen,
bewegt sich auch die Sonne fort.
Im beständigen Lauf, das ganze Jahr,
vom Frühlingspunkt zum Winterort.
Tages- und Nachtlauf erscheinen fremd
und von Kreaturen neu besetzt,
bestimmt Wotan Kutschen und Kutscher,
die er über den Himmel hetzt.
Da ist Dagur, der Tag,
der zu sonnenheller Stunde
mit seinem Ross und seinem Wagen,
jeden Zyklus fährt mit gleicher Runde:
Seinem Wagen vorausgespannt,
schnaubt Skinfaxi, in ehern Geschirr angeleint.
Seine Mähne von blondem Haar,
das Wesen der Menschen und die Welt bescheint.
Ein zweites Pferd, eine zweite Kutsche,
wies Wotan Nött, der Nacht, zu.
Und wann immer die Welt im Dunklen weilt
und Midgard getaucht in schlafend' Ruh',
fährt Nött auf diese Weis' die Wege ab,
die Dagur am Tag bereits geflogen.
Und wird auch sie in ihrem Wagen,
wie ihr Sohn von einem Hengst gezogen.
Hrimfaxi heißt das Tier
und wütend wie ein verletzter Bär
schüttelt es den Schaum aus den Nüstern,
als wenn es toll und rasend wär
jeden Morgen auf die Welt hinunter,
den Meldropum, den Graureif früher Stunden.
So wird es ewig wie sein Pferde-Bruder
die Welt ohne Unterlass umrunden.
Der Mann von Nött heißt Dällingur
und er der Dämmerung entspricht.
Und obwohl er jeden Tag zweimal erscheint,
seinen ehrenvollen Schwur niemals bricht:
Versprochen hat er bei der Geburt von Dagur,
als er seinen Sohn in den Armen hielt,
er richte sich an das reine Wesen,
das ihm immerzu befiehlt,
er solle liebkosen jeden Morgen, jeden Abend,
jeden Schattenwurf und alles, was verfinstert ist:
Auf diese Weise sich sein teures Selbst
mit der Wechselhaftigkeit der Menschen misst.

Mit der Erschaffung des weiten Himmels,
geht die Formung der Welten einher:
In sich geschlossen und doch verbunden,
das Mittlere umgrenzt von einem unendlichen Meer,
verteilen sich und ohne Grenzen
Sphären, deren Zahl gleich Neun.
Einige heilig, einige garstig,
vor deren Betretung sich selbst die Götter scheuen.
Asgard heißt das oberste Reich,
in ihm selbst die Asen wohnen.
Ihrem Herrscher Wotan werden sie für alle Zeit
als Tribut Achtung und Ehrfurcht entlohnen.
Der stille Wächter von Asgard ist jedoch
Heimdall, ein Ase, der mit Hinterlist
jedem vor den Toren Asgards das Leben nimmt,
der nicht im Herzen einer der seinen ist.

Im zweiten Reich, da leben Elfen,
Lichtalfheim heißt ihre Welt.
Herrschen tut Freyer, vom Wanen-Geschlecht,
und der Wächter Delling von unbeugsamer Statur
die Fremden im scharfen Blick behält.

Herrscher und Wächter in gleicher Weise,
ist Surdri, Ur-Wesen, seitdem das Universum bestand.
Hier, in Muspelheim, leben die Feuerriesen,
deren Schicksale er an seines band.

In Wanaheim sitzen die meisten Wanen
und krönen tut sie das Wesen Njörd.
Von immenser Gier und strategischem Genie
und die Unheiligkeit man von ihm hört.
Doch Njörd, der unbekannte Wane,
herrscht – wie von Geburt:
als sey ihm das Gotttum außer Gnade
und die Allheiligkeit gerade zu ihm führt!

Ebenso arrogant und unbarmherzig –
das ist Midgard, der Menschen Welt:
Hier tun sie nach ihrem eigenen Bemessen,
wie es die Götter fordern oder ihnen gar missfällt.
Als Welt der Mitte steht Midgard zwischen vielen Welten,
hängt am Weltenbaum im Zentrum, fast.
Aber abzuwarten bleibt, wie beständig oder ewig
Midgard zu den anderen Welten passt!

Nach Midgard, da kommt Swartalfheim,
wo das Volk der Unterweltler lebt:
Ein Ton zu garstig, der Natur in Ungnad',
und der Zwerge aufständisches Geschrei erbebt!

Von Jöthunheim, der folgenden Welt,
herrschen die Riesen mit gewaltigem Zorn:
Als gewalttätige und zerstörerische Gestalten
schauen sie mit ihrem Herrscher, Thrymr, nach vorn
auf Nifelheim und die vorherigen Welten.
Bestaunen und begehren das so klare Eis.
Verehren Nifelheims Kälte und Unbarmherzigkeit
und fürchten des Niddhögger-Drachens
imposantes Geheiß,
sich fernzuhalten von seiner Welt,
seinem Atem, der als Nebel fliegt.
Denn da er die Summe aller Welten Schlechtes ist,
er am Ende stets obsiegt.

Die tiefste Welt wird Hel genannt.
Die Toten wandeln und trauern bis ans Ende.
Hel, die Göttin aller Toten,
ruft ihren Hund Garm behende,
der die Toten und das Reich bewacht:
Knurrend fährt er Verstorbene ein.
Und spricht man von Trübsal, Ruhe und träger Weise,
kann es nur der Eindruck Hels alleine sein!

Yggdrasil – Der Weltenbaum

So steht Yggdrasil mit ihren neun Welten,
und sehen tut sie, wer sehen kann:
In der Krone wankt die Festung aller Asen,
unter ihren Wurzeln gleicht sich Hel gefügig an.
Mit ihren Ästen verbindet sie alle Welten,
schafft Pforten, Passagen, Schlösser und Türen,
die über schlämmige Seen, Höhlengewässer
und sogar Brunnen ins Innere aller Welten führen!
Yggdrasil als schönster und größter aller Bäume,
als Rückgrat aller Welten gilt:
Eie Welten trennend, die Welten einend,
und am Baumfuß ein jeder der drei Brunnen quillt:
Das sind Urdar, Mimis und Hvergelmir:
und wer alle sieht, der sey gelobt.
Denn wer von ihrem Tatwerk verlangt
und im Wahn und Feuerschein betobt,
die Wahrheit fordert, sie beglückt,
sie bestaunt und ihr entzückt,
behemt, wie wesentlich,
die Heiligkeit der drei Brunnen seien muss …,
der wird finden seinen Untergang
und die Behäbigkeit im Überdruss.

Am Urdar-Brunnen sitzen die drei Nornen,
Frauen schicksalhafter Göttlichkeit,
vereint im Streben, vereint zur Blüte,
vereint in Kontrolle über jede Form der Zeit:
Beschrieben sind drei Frauen,
alt und faltig von Statur.
Doch im Geiste wach und weise
erteilen sie die Weisheit nur,
wenn Verlangen nach ihr besteht,
wenn Rätsel über alte Sagen
oder der Drang nach zukünftigem Geschehen,
der Götter Tagewerk zu stören wagen.

So konnt' es kommen,
dass gar tausend Mal die Nacht,
gesponnen und gewoben wurde
mit unbeschränkter Zauberkraft.
Urd, die da sponn den Faden,
wies Werdani den Strang dem Menschen zu:
wohin er ginge, was ihn berühre
und von welcher immerscheuen Ruh'
er beseelt durchs Leben wandelt,
wie er liebt und wie er handelt,
und wenn sich bald sein Tod ergab,
so schnitt Skuld den dünnen Menschenfaden
an knapper Stelle eifrig ab.

Unveränderlich das Schicksal,
unbeirrt ihr reges Treiben,
werden die an der Quelle verweilenden Nornen
ihr Dasein lang allwissend bleiben.

Tagtäglich und zu früher Tagesstund',
legen sie die Spinnerei beiseit',
und schöpfen Wasser von heilig-weißer Farbe
einander im Geleit
aus dem Brunnen Urdar.
Sie begießen die Blätter und langen Äste,
auf dass Yggdrasil zufrieden lebt
und die starken Wurzeln mit dem Wasserreste,
auf dass Yggdrasil zufrieden steht.

Und aus eines jeden herausgespritzten Tropfens,
weil ihr Wassereimer leckt,
wächst sogleich ein Edelstein,
der fortan den Boden mit bunten Farben deckt.

Solange wie die Nornen
über Lebhaftigkeit bestimmen,
und in ihrem unermüdlichen Tun
nach dem gerechten Wege sinnen,
wird grünen der Weltenbaum Yggdrasil:
Wird in Blüte stehen und von ihm Totholz fallen;
werden durch seine dichten Äste,
die Rufe nach der Nornen Weisheit hallen.
Das Schicksal bis in jene Ewigkeit,
wo die drei Nornen atmen und walten.
… Solange, wie ihre weisen Gedanken
die Bevormundung der Welt für erforderlich halten.
In ferner Zukunft aber könnt' geschehen,
was die Prophezeiung tat seit jeher kund:
erzittert der Baum und sterben die Nornen,
so ist es Ragnarök – die Götterdämmerung.

Ebenfalls am Urdar-Brunnen
halten zwölf der Asen ab ihr Gericht:
Zehn von ihnen reiten mit einem Pferd
und kommen in Forsetis Sicht,
der sie – am Brunnen wartend – gern empfängt.
Wotan aber, naturverbunden, seine Schritte zum Brunnen
durch Sümpfe und Gewässer lenkt.

Hvergelmir ist eine stille Quelle,
das Laute ist auf sie herabrieselndes Eis.
Die Quelle entspringt im kalten Nifelheim,
wie ein jeder Kundige dies weiß.
Genau am Quellenaustritt aber,
wo die Quelle Yggdrasils Wurzeln nässt,
liegt Niddhöggr, die Schlange, und nagt die Wurzel
und hält an ihrer gierigen Bosheit fest.

Weiter oben im Geäst des heiligen Baumes,
sitzt ein weises und beherrschtes Tier:
Es ist ein namenloser Adler, der viel gesehen
und infolgedessen – er rastet hier.
Zwischen dem unbehelligten Vogel
und der Schlange ihm zu Erden,
springt ein Eichhörnchen namens Ratatöskr
und versucht zu necken und zum Zwist zu werden:
Es ist einer der vielen Gespielen der Natur,
die augenscheinlich keinen Zweck erfüllen.
Doch wie sie ihr Dasein als Phantom verleben,
sie zur rechten Zeit ihren wahren Sinn enthüllen!

Um die Krone Yggdrasils schwebt ein weiterer Vogel,
ein Habicht mit roten Krallen und braunem Kleid.
Er heißt Vedrfölnir – der Weltenvogel,
und ist mit der Fähigkeit geweiht,
die Wolken ziehen zu lassen oder
zum Regnen zu bewegen.
So bringt er Grollen auf die Welten
oder bewässert sie mit willkommenen Regen.

Im Schutz der Winde und des steilen Wassers,
treiben sich vier Hirsche im Gesträuch umher.
Da sie dem Weltenbaum die Knospen fressen,
nach Wurzeln wühlen und Schlimmeres mehr,
sind Dain, Dwalin, Dunneir
und Durarthror dem Tod gewiss.
Doch sterben können sie keinesfalls:
so ist die Beilast der Geschenke Wotans,
die Unsterblichkeit ihr einziger Preis.

Neben der Fäulnis an den Wurzeln,
nagt die Niddhöggr-Schlange zudem am Baum:
So frisst sie sich durch seine Rinde
und mit der Fäulnis ein kranker Saum.
Doch stark und unbeugsam ist die Weltenesche,
zwingt mit Gleichmut den Patt herbei.
Sieht herab zu ihren Wurzeln
und würdigt Brunnen Nummer Drei:
Es ist der Mimisbrunnr, in Stein geschlagen,
Wasser plätschert aus der Tiefe.
Ein Kanal bändigt den Strom und zwingt zur Gleichheit,
wo sonst das Chaos aus der Erde liefe.
Anbei wacht der Herr der Quelle,
ein alter Weiser, Mimir vom Namen.
Er schaut die Erde, sieht voraus,
ahnt das Schicksal, weiß welche Welten kamen,
und insgeheim sein Tadeln gilt:
Wer ihn mit Stolz und Dank erfüllt.

Vom Laub der Spitzen junger Zweige
tropft seit jeher ein Tau herab:
Er nährt die Bienen, und nährt die Erde,
die es vor Yggdrasils Entstehen gab.
Man nennt ihn Hunangsfall (Honigfall)
und süßt die Welt.
Man nennt ihn Glück, man nennt ihn Schicksal,
und er auf jedes Leben fällt.

Entstehung des Menschen

Wind und Regen peitschen ins Gesicht,
als die Brüter Wotan, Vil und Ve entlang
der Gestade eines großen Meeres wandern
und einer von ihnen jenes Totholz fand,
das da waren zwei morsche Bäume,
ihr Holz trocken und auch nass zugleich;
die Rinde schmutzig, brüchig jede Furche,
im Inneren uneins und modrig-weich.
An den Strand gespült lagen beide Bäume
– Ulme und Esche seien sie genannt –
übereinander, als herzten sie sich,
doch viel zu leblos, wie Wotan fand.
So gab er ihnen echtes Leben
und setzte auch je vier Glieder dran.
Vil schenkte ihnen Geist und Schönheit,
Wissensdurst und Elan.
Und wie er das Blut in die Bäume presste,
gab Ve ihnen die fünf Sinne.
Und als er ihnen Gesichter formte, hoffte er,
dass der Götter Abbild im Menschen neu beginne.

Man sagt, es sey ein Sturm im Kommen,
als man Ask, den ersten Mann
aus dem starren und furchtbar sturen Holz
aus dem Eschenstamm zu formen begann.
Embla jedoch, die erste Frau,
wurde aus einem Ulmenzweig geschnitzt:
Im Wind weht sie unstet und launisch,
bei Flaute spricht sie im verschlagenem Witz.
Dieses erste Menschenpaar bewohnte Midgards Welt.
Erst einsam und verkannt auf Erden,
sollte aus diesen ersten Menschen
bald die ganze Menschheit werden.

Heute aber rühmen sich,
je mehr Menschen diese Welt bewohnen,
die Großen ihren Göttern gleich,
und dass die Blasphemie sich würde lohnen!
Doch vergessen die Menschen der heutigen Zeit
den riesigen Götterhund Phradgir, dessen
Tatzen rechts und links der Erde liegen,
und sich mit dem Gleichgewicht der Welten messen:
Denn er ist's, der die Welt zusammenhält,
Kobolde hängen an seinen geknickten Ohren.
Dort kitzeln sie und necken ihn,
und wenn er sich schüttelt, wird das verloren,
das zuvor in seinem Maule war,
und Regen sprüht über alles Land.
Und ab und zu leckt er die Erde mit seiner Zunge glatt
und ein Massensterben wird ausgesandt.

So sind es weder die eitlen Menschen, noch viel eitleren Götter,
die die Welt zu kontrollieren glauben:
Allein ein jedes Geschehen, ob sichtbar oder nicht,
erfordert Phradgirs gnadenvolles Erlauben.