Die fünf Geißeln der Digitalisierung

1) Verlernen von Kulturtechniken

Mit der zunehmenden Digitalisierung, insbesondere an Schulen, nimmt auch das Verlernen über Jahrtausende erworbener Kulturtechniken zu. In zahlreichen Studien ist belegt worden, dass bereits jetzt, da das Digitale an Schulen und Universitäten den Unterrichtsraum zu dominieren beginnt, geistige und körperliche Fertigkeiten nachlassen.

Die Handschrift verkümmert mehr noch als durch die Einführung der Druckschrift anstelle der Schreibschrift in den Grundschulen. Die Merkfähigkeit der Menschen nimmt ab, je weniger sie von Hand notieren. Selbst für kleine Rechenaufgaben wird lieber zum bequemen Taschenrechner gegriffen, als den Kopf zu gebrauchen. (Hier ist nicht die Rede von komplexen Berechnungen, wie sie für die Navigation eines Satelliten notwendig sind, sondern von Aufgaben, die Menschen tagtäglich mithilfe der vier Grundoperatoren zu lösen und später an die folgende Generation weiterzugeben fähig sein sollten.)

Wer am Bildschirm skizziert, zeichnet, malt, der lernt nicht von den Farben und Perspektiven aus der Natur. Wer seine Texte mithilfe einer Software übersetzen lässt, für den erübrigt sich die tiefergehende Beschäftigung mit einer Fremdsprache. Und was die Muttersprache betrifft: Wer auf orthografische, grammatikalische und stilistische Hilfen per Software vertraut, der legt seinen Schöpfergeist, seine freien Gedanken beiseite, und lässt eine Maschine das tun, wodurch der Mensch eigentlich seine Identität erhält.

So hilfreich digitales Kartenmaterial auch sein mag – die Nutzung von Navigationsgeräten (z.B. Navi im Auto oder als Outdoor-Gerät) verkümmert die Fähigkeit, sich selbst im Gelände an Landmarken zu orientieren. Schon heute können die Wenigsten noch mit Karte und Kompass umgehen, von anderen Hilfsmitteln (Sextant, Sternbilder, Gnomon, Uhr, Körpermaße) zur Abschätzung von Position, Richtung, Winkel, Zeiten und Entfernung ganz zu schweigen. Leert sich die Batterie des Navis, stehen Viele im Gelände hilflos da. Urzeitmenschen haben auf ihren weiten Wegen die Orientierung an Landmarken (Bergspitzen, landschaftliche Merkmale) genutzt, um zum Lagerplatz zurückzufinden. Die einen mögen es Weiterentwicklung nennen, die anderen Abhängigkeit von Technik.

2) Das Umweltproblem

Jedwede Form der Digitalisierung ist auf Technik angewiesen, die in der Natur so nicht vorkommen kann; deren Erzeugung, von der Rohstoffgewinnung, dem Transport bis zur Verarbeitung; deren meist kurzzeitige Benutzung und Entsorgung ein Umweltschutz-Alptraum schafft, den es vor gerade einmal hundert Jahren noch gar nicht gegeben hat.

Von den nicht bestreitbaren Vorzügen der Digitaltechnik in vielen Lebensbereichen abgesehen, wird das Digitale aufgrund kostengünstiger Umsetzung leider auch viel zu oft dort angewendet, wo es nur auf den ersten Blick sinnvoll erscheint: Elektronische Spielzeuge und batteriebetriebene Handseifen-Spender gehören ebenso zu Wegwerfprodukten wie E-Books anstelle „echter“ Bücher, Elektronikbauteile in Kleidung, Schuhen und tausend anderen Dingen, die man für weiterentwickelt hält, nur weil sie eine Diode enthalten.

Indes ist der weltweit sinkende Papierverbrauch mit der Einführung des sog. papierlosen Büros ein Mythos, wie Datenerhebungen belegen. Geradezu überfordert wirken Hinweise wie: "Überlegen Sie, ob die E-Mail ausgedruckt werden muss." Das alles sind Kleinlichkeiten im Vergleich zum beispielsweise mit der Digitalisierung einhergehenden Aufblühen des Online-Handels, der eine massive Paket-Schwemme zur Folge hat. Digitales befreit den Menschen auch nicht von der Verantwortung der sündigen Ressourcenverschwendung.

3) Trügerisches Vertrauen

Das Vertrauen in die digitale Datenspeicherung ist so umfassend, dass einer seiner größten Nachteile gar nicht ernsthaft diskutiert wird, selbst wenn man eine ausgeklügelte Backup-Strategie fährt. Denn selbst geringe Schäden (die Festplatte fällt vom Tisch), Überspannungsereignisse (Blitzeinschlag) oder ungewollte Verschlüsselung (ransomware) können eine gewaltige Datenmenge in so kurzer Zeit unbrauchbar machen, dass man es erst glauben kann, wenn es wirklich passiert ist. Daten, d.h. Nullen und Einsen, sind genauso wenig sichtbar oder greifbar wie Bakterien. Beschädigte Datenträger sind meist nur so aufwendig wiederherstellbar, dass es in Hinblick auf Zeit und Kosten lohnender ist, sie endgültig abzuschreiben. Auch eine herkömmliche Bibliothek kann brennen. Was aber an Verkohltem übrig geblieben ist, und seien es nur halbe Seiten, das bleibt lesbar. Auch ein Buch kann vom Tisch fallen, ohne dass sein Inhalt Schaden nimmt.

Dazu kommen Themen wie die Haltbarkeit von Datenträgern, die Gültigkeit veralteter Dateiformate und Programmiersprachen. All das muss hingebungsvoll gepflegt werden, wenn der angesammelte Datenschatz auch nur einer nachfolgenden Generation nützlich sein soll.

4) Anonyme Kriminalität

Die Digitalisierung fördert die sog. anonyme Kriminalität. Wer früher einen Identitätsdiebstahl begehen wollte, der musste mit falscher Nase und Hut vorstellig werden – in der Hoffnung, dass man für denjenigen gehalten wird, der man zu sein vorgibt. Wer früher jemanden berauben wollte, der musste das Risiko des Banküberfalls oder Handtaschendiebstahls auf sich nehmen. Wer früher jemandem die Meinung sagen wollte, der musste den Mut aufbringen, sie ihm ins Gesicht zu sagen und dafür möglicherweise eine gelangt zu bekommen, oder sich zumindest auf eine Diskussion einzulassen, die nicht mit einem Klick auf logout beendet werden konnte. Früher gebrauchten Betrüger Charisma und gestelltes Auftreten, heute reichen Worte und gefälschte Bewertungen. Es gab keine falschen Links in der Briefpost, und das Mitlesen von Kommunikation war, jedenfalls nicht ohne erheblichen technischen Aufwand und Personal vor Ort, unverhältnismäßig oder unmöglich.

5) Ungeniertes Vervielfältigen

Das Digitale eröffnet jedem Durchschnittsanwender die beliebige und rasend schnelle Vervielfältigung von Daten. Das Zauberwort heißt Kopieren. Mit dem Begriff „ungeniert“ bezeichne ich hier nicht das unerlaubte Vervielfältigen von lizenzrechtlich geschützter Musik oder Filmen, das sog. Raubkopieren (richtig heißt es eigentlich Schwarzkopieren, man sagt auch nicht „Raubfahren“ ohne Ticket in der Straßenbahn!). Ich spreche von der Leichtfertigkeit der Computer-Nutzer, Daten, die nicht sinnvollerweise vervielfältigt werden müssen, trotzdem oder zumindest unbedacht zu vervielfältigen. Das Resultat sind ansteigende Datenmengen durch Duplikate oder weitgehend identische Dateien, in denen nur Kleinigkeiten geändert worden sind.

Jeder kennt Textdokumente (an der Uni, am Arbeitsplatz), an denen mehrere Personen arbeiten, und jeder einzelne Bearbeiter die von ihm veränderte Version als neue Datei abspeichert. (Bei dieser Gelegenheit sei auf die wenig genutzte Funktion der Datei-internen Versionierung hingewiesen, wie sie z.B. viele Office-Versionen, darunter LibreOffice, anbieten!) Dies geschieht leichtfertig, denn es erfolgt mühelos per Tastenkürzel. Bei einem Manuskript in Papierform würde niemand auf die Idee kommen, sich jeweils eine Papierkopie anzufertigen, ehe er seine Kommentare an den nächsten Bearbeiter weitergibt! Die Digitalisierung schafft damit den Nachteil, dass mehr Leute damit beschäftigt werden herauszufinden, wo die Unterschiede zwischen bearbeiteten Dokumenten liegen. Diese eine Facette der Kritik an der Digitalisierung ist nicht unwesentlich, wenn es um die Frage geht: Ist digital wirklich besser als analog?

Dieser Gedanke lässt sich mühelos auf andere digitale Lebensbereiche anwenden: Fotografen knipsen einfach darauf los, ohne sich Gedanken über Motiv oder Moment zu machen. Die Überlegung ist: Am Ende wird aussortiert. Da das aber auch wieder Arbeit macht, behält man oft eine Fotoserie von immer gleichen oder ähnlichen Motiven. Wer soll das alles speichern und in Backups sichern? Wer soll das alles durchsehen auf der Suche nach dem besten Schnappschuss? Bezogen auf geologische Geländearbeit – denn das ist der ursprüngliche Bezugspunkt dieser Webseite – ist eine Fotografie oftmals auch nicht besser als eine handgefertigte Geländeskizze. Dieser Punkt spielt mit der ersten genannten Geißel zusammen, dem Verlernen des Verständnisses für Zusammenhänge, Proportionen, Farben und Formen.

Es werden Fotos und Scans von Dokumenten in schwindelerregenden Auflösungen gespeichert, ohne über die Sinnhaftigkeit nachzudenken. Einfach, weil es möglich ist. Dazu kommt: Selten ist man sich des Unterschiedes bewusst, was ein echtes Digitalisat ist oder nur eine als Rastergrafik gespeicherte Fotografie einer Papierseite.

Die Gedankenlosigkeit über die Notwendigkeit einer digitalen Nachricht gipfelt in E-Mails und kurzweiligem Geschwurbel in Chat-Nachrichten, SMS oder sog. Tweets. Auch hier gilt: Man nutzt derartige Dienste ohne Bedenken, einfach, weil sie es möglich machen. Der ernsthafte und tiefsinnige Informationsaustausch im Sinne eines herkömmlichen Briefes wird selten erreicht: Damals noch bedingt durch Zeit des Schreibens, Kosten für Briefpapier und Porto oder die Dauer der Briefübermittlung, orientiert sich der moderne Absender einer E-Mail an der unverzüglichen, kostenlosen Art der Mitteilung: Warum sollte man auch Mühe in klare, umfassende, stilbildende Formulierungen verlieren, wenn eine Antwort des gepeinigten Empfängers mit wenigen Minuten Verzögerung erwartet werden kann? Die eigentliche Teufelei steckt in der Möglichkeit, eine beliebige Anzahl Empfänger mit derselben Nachricht zu beglücken. Sind diese Empfänger in Gruppen erfasst, führt ein einziger Mausklick zur Versendung desselben Textes an hunderte Personen gleichzeitig, gleichgültig, ob diese direkt angesprochen werden. Aufseiten des Empfängers füllt sich damit das Postfach mit verzichtbaren Nachrichten, genannt SPAM. Wiederum ist Zeit und Augenmerk aufzuwenden, um den Abfall von den wichtigen Botschaften zu scheiden.

In der Zusammenfassung ist dies eine Prozedur, die es nur im digitalen Zeitalter zu ertragen gilt. Man stelle sich vor, im Papier-Zeitalter wäre im Minutentakt ein Briefkuvert abgegeben worden. So etwas wäre sehr schnell und sehr richtig als Zeit- und Ressourcenvergeudung erkannt worden.

Abschließende Worte

Es genügt einer gewissen Ironie, dass ich meine Ansichten in digitaler Form bereitstelle. Die oben genannten Geißeln sind eben doch „nur“ Begleiterscheinungen einer sonst bei ernsthafter Nutzung vorteilhaften technischen Grundlage. Denn nur digital ist der weltweite Informationsaustausch möglich; können komplexe Maschinen gesteuert; können umfangreiche Berechnungen in kürzester Zeit durchgeführt werden.

Und in einem Punkt ist das Digitale dem Papier auf jedem Fall überlegen: Die Suche nach einem Schlagwort in einem Archiv oder einer Bibliothek führt bereits nach Sekunden zu einem Ergebnis. Sofern der Bestand tatsächlich digital vorliegt