Desktop-Wiki

Wer's nicht kennt, wird es nicht vermissen. Wer es kennt, wird es nie wieder missen wollen: Desktop-Wikis. Davon gibt es eine ganze Reihe, aber was macht man damit?


Beim Begriff Wiki denkt man sofort an die Wikipedia, eine mit Mediendateien angereicherte Sammlung von Wissen, deren Artikel untereinander und mit Quellen im Internet verlinkt sind. Mit einem Desktop-Wiki kann man diese hervorragende Möglichkeit zur Strukturierung von Informationen adaptieren und an eigene Bedürfnisse anpassen. Ein privates Wiki kann sowohl eine Sammlung von Kochrezepten sein, ein Sammelsurium von Todo-Listen für die Planung (Hochzeit) oder alles, was einem dazwischen einfällt. Beruflich verwende ich ein Desktop-Wiki zum Sammeln von fachlichen (geowissenschaftlichen) Informationen, wobei die Artikel mit Bildern versehen und untereinander verlinkt sind. Gleichzeitig flechte ich darin meine täglichen oder längerfristigen Aufgaben ein und verwalte sogar eine Art Tagebuch, d. h. ein tägliches Protokoll abgeschlossener Aufgaben, mit dem Wiki.

Von besonderer Bedeutung sind für mich drei Punkte:

  • Ich kann das gesamte Wiki durchsuchen. Nach Eingabe eines Schlagworts erscheinen die entsprechenden Artikel, nach Relevanz sortiert. Gleichzeitig wird das Tagebuch-Protokoll (genannt „Journal“) durchsucht, sodass ich rückwirkend finden kann, was ich wann getan habe.
  • Die dem Wiki grundlegende Funktion der Verlinkung verwende ich nicht nur für Artikel untereinander, sondern auch für die Platzierung von Links auf lokale und Netzwerk-Dateien oder Internet-Adressen. So muss ich mir nie wieder merken, wo sich das Tabellendokument X versteckt – ein Klick auf den einmal gesetzten Link öffnet mir die Datei.
  • Jeder Artikel kann „getaggt“, d.h. mit einem Schlagwort versehen werden, über das sich wiederum separate Listen zusammenstellen lassen. Man könnte beispielsweise alle Artikel zum Thema „Software“ mit einem gleichnamigen Tag versehen. Anschließend werden über Auswahl in einer „Tag-Wolke“ nur die betreffenden Artikel angezeigt.

Beide im Folgenden vorgestellten Wiki arbeiten sehr fix, sind durch Plugins und Designänderungen hinsichtlich Farben und Schrift anpassbar. Plugins ermöglichen beispielsweise die Nutzung einer TeX-Formel-Syntax oder unterstützen das Anlegen von Tabellen. Für jeden angelegten Artikel werden ein Zeitstempel und ein Bearbeiter-Name gespeichert. Und beide sind selbstverständlich OpenSource.

ZIM-Wiki

Das ZIM-Wiki ist am ehesten das, was man von der Wikipedia kennt: Artikelliste, Artikelinhalt, hervorgehobene Links, Suchfeld. Das Anlegen von Infos ist verblüffend einfach. Nach Programmstart wird ein sog. Notizbuch angelegt, das ist ein Ordner auf der Festplatte, in den jeder Artikel im .txt-Format gespeichert wird. Bilder können per Drag & Drop eingefügt werden. Sinnvoll ist die Verlinkung von Bildern, die in einem separaten Abbildungen-Verzeichnis unterhalb der Notizbuch-Struktur liegen.

Das ZIM Wiki basiert auf Python mit einer GTK-Oberfläche (portable auch für Win). Die Anwendung läuft verzögerungsfrei und mit nur wenigen Tastaturkürzeln wird das Wiki rasch gefüllt.

Einer der größten Kritikpunkte ist auch einer der größten Vorteile des Wiki: Da jeder Artikel als separate Textdatei gespeichert wird, hat man mit der Zeit ein Verzeichnis voller Dateien, inkl. jede verlinkte Bilddatei. Mein berufliches genutztes Wiki hat mehrere Hundert Artikel, dementsprechend unübersichtlich ist das Notizbuch-Verzeichnis. Daraus resultiert allerdings der Vorzug, dass ich jeden Artikel auch ohne ZIM-Programm mit einem beliebigen Texteditor auslesen kann. Da alle Grafik-Dateien separat gespeichert sind, ist deren separate Bearbeitung möglich. Für die Weitergabe oder Backups empfiehlt sich die Archivierung der Notizbuch-Verzeichnisstruktur in einer Archiv-Datei (z.B. ZIP).

Da beim ZIM nur die Datei geladen wird, dessen Artikel gerade aufgerufen worden ist, bietet sich ein ZIM für die Speicherung im lokalen Netzwerk an (das manchmal mit etwas Verzögerung arbeitet), es muss also nicht (wie beim Tiddly Wiki, siehe unten) immer das gesamte Wiki geladen und gespeichert werden. Ein ZIM ist also besser für viele kleine Änderungen geeignet.

Tiddly Wiki

Das Tiddly Wiki verfolgt als Desktop-Wiki ein ganz anderes Konzept: Es handelt sich um eine einzelne HTML-Datei, die mit einem beliebigen Browser gelesen und bearbeitet werden kann. Plattformunabhängiger geht es nicht!

Der Einstieg ist so einfach, dass man das gesondert hervorheben muss: Eine Installation gibt es nicht (außer man möchte die Desktop App nutzen, die das Verwalten mehrerer Wikis ermöglicht); man lädt einfach die leere HTML von der Webseite herunter, öffnet sie im Browser und kann sie sofort bearbeiten. Dieser erhebliche Vorteil kommt auf Systemen zum Zug, auf denen man aufgrund fehlender Admin-Rechte keine Möglichkeit zur Software-Installation hat (Behören- oder Konzern-Netzwerk).

Über ein Plus-Button wird ein neuer Artikel (oder neuer Journal-Eintrag) angelegt, und kann (wie beim ZIM) mit Info, Links und Tags gefüllt werden. Mit ein bisschen HTML-Kenntnissen können außerdem individuelle Startseiten zusammengestellt werden. Im Internet gibt es genügend Tutorial-Videos.

Besser als beim ZIM-Wiki sind die Möglichkeiten zur Artikel-Gliederung: Selbstverständlich können auch hier (wie beim ZIM) Überschriften-Hierarchien angelegt werden (Überschriften, Unterüberschriften usw.). Darüberhinaus ist beim Tiddly Wiki die Möglichkeit zur Kennzeichnung von (eingerückten) Zitatblöcken und Code-Schnipseln einfacher zugänglich.

Einer der größten Vorzüge des Tiddly Wiki ist die Möglichkeit zur Verschlüsselung. Während man ein ZIM nur als komprimiertes Archiv verschlüsseln könnte oder in einem verschlüsselten Container ablegt, bringt Tiddly Wiki die Verschlüsselung von Haus aus mit. Bei festgelegtem Passwort wird das Lesen erst nach Passwort-Abfrage ermöglicht. Ideal zum Speichern sensibler Informationen.

Wie beim ZIM wird der größte Vorteil zum größten Nachteil: Das Vorhalten einer einzigen Datei, in der alles enthalten ist, erscheint großartig. Allerdings nicht, wenn sie zahllose Abbildungen und Dateien enthält, die das Wiki aufblasen. Denn ein Tiddly Wiki wird immer als Datei überschrieben, d. h. man überschreibt beim Speichern immer dieselbe HTML-Datei! Wenn diese allerdings eine Größe von Hunderten MB erreicht hat, wird das Speichern zur Qual, umso mehr, wenn das Wiki im lokalen Netzwerk untergebracht ist. Man stelle sich vor, man möchte nur eine kleine Information ergänzen, und anschließend minutenlang auf das Speichern einer 1,2 GB-HTML-Datei warten! (Vom Laden der Datei ganz zu schweigen.)

Überhaupt ist das Einbringen von Bildern oder anderen Mediendokumenten (PDFs etc.) umständlich: Zunächst kann das Bild (oder die Datei) per Drag & Drop importiert werden. Sie wird als eigene Einheit gespeichert, sie ist dann ein sog. Tiddle. Auf dieses Tiddle kann dann vom Artikel aus verwiesen werden und wird z. B. als Bild im Artikel angezeigt. Einfacher gehts mit ZIM allemal.

Ein unbefriedigendes Gefühl ergibt sich auch mit textlastigen Wikis: Das „leere“ HTML von der Webseite ist alleine etwa 2,3 MB groß. Wird es nur mit 50 kb an Daten gefüllt, ist die HTML selbstverständlich immer noch irre groß. Möglicherweise eignen sich Tiddle Wikis eher zum Speichern von textlastigen Infos, die man am besten verschlüsselt aufbewahren möchte und die trotzdem durchsuchbar sein sollen (ein Tagebuch?).