Schriftarten

Serifenlose oder Serifen-Schrift?

Neben weiteren Schriftkategorien wie den „Gebrochenen Schriften“ existieren unter den modernen lateinischen Schriften zwei dominante Zweige, die Serifenlosen (= Groteske) und die Serifen-Schriften (= Antiqua). Beide unterscheiden sich im Wesentlichen durch das Vorhandensein von sog. Serifen. Das sind, kurz gesagt, die kleinen Fortsätze an den Strichenden von Buchstabenformen, beispielsweise die Standfüßchen am Versal-H. Serifenlose Schriftarten fehlen diese Serifen, wodurch sie gerader und abgeschlossener wirken, aber auch brachialer, sodass sie sich letztlich nur für ganz bestimmte Einsatzgebiete eignen. Keinesfalls sollte man die serifenlosen Schriften als eine Art evolutionäre Weiterentwicklung aus Serifen-Schriften sehen, und die einen deshalb für überholt und zu vermeiden werten, die anderen dagegen ausschließlich einzusetzen.

Beide, Groteske und Antiqua, haben ihre Daseinsberechtigung. Das resultiert aus dem Nutzen der Serifen hinsichtlich Lesbarkeit des Textes. So verwendet man als „Brotschrift“ (die Hauptschrift eines Dokuments, z. B. eines Romans oder einer Abschlussarbeit) meistens Antiqua-Schriften und sollte das auch. Die Serifen bewirken beim Lesen, dass das Auge „leichter“ von Buchstabe zu Buchstabe und damit Wort zu Wort geführt wird. Außerdem bieten Serifen-behaftete Buchstaben mehr Abwechslung und ermüden das lesende Auge nicht so schnell. Serifenlose Schriften sind dagegen gut geeignet für kurze (Kapitel-)Überschriften oder Beschriftungen in Abbildungen. Nicht umsonst ist der Satz mit LaTeX standardmäßig so konfiguriert, dass für den Grundtext eine Antiqua verwendet wird (die Computer Modern Roman), während für die Kapitelüberschriften eine Grotesk zum Einsatz kommt (die Computer Modern Sans).

Tipps zum Einsatz und Umgang mit Schriftarten

Bevor man sich für eine Schriftart entscheidet, gilt es folgende Punkte zu klären:

  • Enthält die betreffende Schriftart alle Glyphen, die ich ggf. benötigen werde? Je nach Ausbau der Schriftart fehlen manchmal akzentuierte Buchstaben und bestimmte Ligaturen, sogar das Eszett. Wenn man Texte aus anderen Alphabeten (kyrillisch, griechisch) integrieren will, ist es besser, wenn man diese Buchstaben nicht von einer anderen Schriftart nehmen muss, sondern aus der gleichen nutzen kann, mit der man bereits den Grundtext gesetzt hat. Gut ausgebaute Schriftarten wie z. B. die Libertine enthalten auch ein griechisches und kyrillisches Alphabet.
  • Benötige ich Kapitälchen oder Minuskelziffern, und sind diese in der ausgesuchten Schriftart enthalten?
  • Vorteilhaft ist, wenn die Schriftart über eine Serifen- und serifenlose Variante verfügt (Sans/Serif bzw. Grotesk/Antiqua). Werden beide im gleichen Dokument für Grundschrift und Überschriften eingesetzt, ergibt sich ein harmonisch abgestimmteres Bild als bei einer von Laien bestimmten Schriftmischung. Schriftarten, die dieses Duo haben, sind z. B. die Libertine, Droid, DejaVu, Lucida, Quadraat, Stone, Officina, Compatil, Thesis und Fedra. Achtung: Manchmal heißt eine Schriftart Sans/Serif, ist aber eigentlich etwas anderes: Die Liberation Sans ist eigentlich ein metrischer Klon der Arial, während die Liberation Serif ein metrischer Klon der Times ist. Beide passen auch gut zusammen (Schriftmischung), trotzdem sind es zwei verschiedene Schriftarten!
  • Wie viele Schnitte (Strichstärken) enthält die ausgesuchte Schriftart? Meistens existiert zu einer Schrift neben der Kursiven nur noch eine fette Variante (die oftmals zu aufdringlich wirkt). Gut ausgebaute Schriften bieten daneben noch halbfette (semi-bold usw.), sehr fette (ultra-bold usw.) und halblichte (light, semi-light usw.) Schnitte. Wenn eine Schrift solche Schnitte bietet, ziehe ich sowohl für den Grundtext als auch für Grafik-Beschriftungen eine halbfette der fetten Variante vor. Je nach Einsatzzweck und Design des Dokuments können zahlreichen Schnitte vorteilhaft sein.
  • Wie gut wurden die Schriften nachbearbeitet? Neben dem Zeichnen der eigentlichen Glyphen hält der Schriftdesigner die eigentlich größte Arbeit fürs Ende zurück und verzichtet auch manchmal darauf. Hier geht es um die manuelle Abstimmung der sog. Unterschneidungspaare, wobei auffällige Abstände zwischen häufigen Buchstaben optimiert werden. Gut ausgebaute Schriften (v.a. kommerzielle) enthalten Hunderte dieser Unterschneidungspaare, während andere, billig reproduzierte Schriften gänzlich darauf verzichten.

Regeln zum Einsatz von Schrift

  • Schriftmischung (außerhalb passend gezeichneter Duos wie Libertine/Biolinum oder Droid Sans/Serif) ist ein gefährliches Feld und sollte nur von Profis festgelegt werden. Manche Schriften sollte man überhaupt nicht miteinander mischen, z. B. zwei Antiqua-Schriften. Besser, man sucht von vornherein eine Schriftart aus, die eine Grotesk und eine Antiqua enthält.
  • Bei Platzmangel/-Überfluss auf einem Dokument (Poster), wird ein Textblock (Textrahmen) niemals horizontal gestreckt oder gestaucht, um ihn auf mehr Fläche zu verteilen! Solche Dinge werden stattdessen mit der sog. Laufweiten-Regulierung, d.h. dem Abstand der Buchstaben zueinander, manipuliert, und auch nur in Maßen. Viele Schriften bringen einen engen Schnitt (condensed/narrow) mit, bei dem die Buchstaben bereits von vornherein enger gezeichnet worden sind. Diese Schnitte eignen sich für Beschriftungen/Tabellentext auf engstem Raum. Praktischerweise lassen sich enge Schnitte problemlos mit der Grundschrift derselben Schriftart mischen (z.B. Ubuntu/Ubuntu Condensed).
  • Wer viel zwischen großen Überschriften, normal großem Grundtext und sehr kleinen Fußnoten-Texten wechselt, sollte mal darauf achten, ob die ausgesuchte Schriftart spezielle Schnitte für sehr kleine und sehr große Schriftgrößen mitbringt. Denn keinesfalls sollte eine Schrift in 11pt-Schriftgröße für eine Überschrift einfach auf 18pt skaliert werden! Die Strichstärke würde viel zu dünn geraten, außerdem müsste für Überschriften die Laufweite etwas reduziert werden. Bei Fußnoten ist es genau andersherum: Würde hier die Grundschrift einfach klein skaliert werden, wären die Strichstärken zu dick, die Binnenräume zu klein, die Laufweite zu gering. Aus diesem Grund enthalten gut ausgebaute Schriften spezielle Schnitte für Fußnoten und Überschriften, bei denen diese Anpassungen bereits vorgenommen worden sind. Sie heißen z.B. „Libertine Display“ für Überschriften ab z.B. 18pt Schriftgröße. Manchmal sind die Schriftarten direkt nach ihrer optimierten Schriftgröße benannt, z.B. CliffordSix, CliffordNine, CliffordEighteen (wobei die Zahl die Schriftgröße angibt). Wer die Standard-Schriftart von (La)TeX verwendet, die sog. Computer Modern, braucht sich darüber keine Gedanken machen, denn sie enthält diese vorgezeichneten Schnitte für verschiedene Schriftgrößen-Stufen, die auch automatisch gesetzt werden.
  • Generell sollten nicht mehr als 3 verschiedene Schriftgrößen in einer Grafik/einem Dokument verwendet werden, z.B. 6–8–11 oder 8–12–16.
  • Innerhalb eines Dokuments sollten nicht mehr als zwei Schriftarten verwendet werden. Wer an Serif/Sans-Varianten derselben Schriftart denkt, sollte damit gut auskommen können.
  • Vorsicht bei serifenlosen Schriften, die mit einer vermeintlichen Kursive kommen: Dabei handelt es sich meist um keine echte Kursive, sondern nur eine schräggestellte Variante der Sans (sog. slanted); die sind typografisch bedenklich und sollten vermieden werden.
  • Im Dokument so wenig Auszeichnungen wie möglich verwenden, d.h. nicht alle paar Wörter unterstreichen, sperren, einfärben, Fettschrift oder kursivieren, und das auch noch gemischt. (Unterstreichungen und Sperrungen sind ohnehin ein typografisches Tabu!) Meistens reicht die Kursivierung zur Hervorhebung von Wörter aus dem Grundtext aus.
  • Der Gebrauch von „Standard-Schriftarten“ wie „Arial“ oder „Times“ (New Roman) sind allgemein verpöhnt, obwohl sie auf beinahe jedem System vorinstalliert sind. Die Arial ist zwar gut ausgebaut, aber auch ausgesprochen charakterlos und ohne Wiedererkennungswert. Obwohl die Arial gewissen Studien zufolge nach wie vor die am besten lesbare Schrift am PC-Bildschirm ist (und sie ist tatsächlich gut lesbar!), würde ich sie nie für den Druck benutzen. Die Times ist zwar gut für den Druck, allerdings findet sie sich auf beinahe jedem Dokument, und ihre Benutzung trägt damit nicht dazu bei, seine z.B. Abschlussarbeit zu etwas Besonderem oder Einzigartigem in den Augen des Lesers zu machen. (Natürlich sollte man keine auffällig-exzentrischen Schriften nutzen!) Stattdessen empfehle ich eine der vielen freien Alternativen, allen voran die Libertine, aber auch die Brill, Gentium, Junicode (ein Garamond-Klon) oder Vollkorn.
  • Wer Design-Dateien (InDesign, Corel, Scribus) oder Manuskripte weitergibt, sollte immer auch die Schriftarten-Dateien mitschicken, die verwendet worden sind. Im Ausnahmefall (Arial, Times) kann man darauf verzichten. Manche Programme bieten auch die Möglichkeit, einen Teilsatz der Schrift oder die ganze Schrift ins Dokument mit einzubetten, aber ich habe lieber die Schriftarten-Datei an sich vorliegen, und sei es nur um die Schrift kennenzulernen oder meine Sammlung zu erweitern.

Regeln für Schriftarten am Bildschirm

Schriften, die am PC-/Tablet-Bildschirm oder über eine Projektion (Präsentation im Unterricht/Tagungen) dargestellt werden, haben meist eine viel geringere Auflösung als dieselbe Schrift im Druck. Im Sinne der Lesbarkeit gilt daher zu beachten:

  • Möglichst nur serifenlose Schriften gebrauchen. Serifen wirken auf den Betrachter/Zuschauer eher unruhig und die Buchstaben sind schwerer zu trennen, während serifenlose Schriften schneller erfassbar sind. Arial gilt als hervorragend lesbar am Bildschirm. Es gibt aber auch einige andere Schriftarten, die speziell für die Darstellung am Bildschirm optimiert worden sind, z.B. Droid, Roboto oder Fira (natürlich kann man diese auch drucken!)
  • Auf Kursive verzichten, sie sind am Bildschirm nicht gut lesbar (geneigte Serifen-Buchstaben durchkreuzen alle orthogonalen Bildschirm-Pixel).