Über die Antiqua

Schrift ist Geschmackssache – manchmal und auch oft. Zeichenumfang, Lesbarkeit, Qualität der Zurichtung, verfügbare Schnitte, Designgrößen u. a. lassen Schriften aber zuweilen auch außerhalb von »Geschmacksfragen« in besser und schlechter unterteilen. Insbesondere durch digitale Neuinterpretationen konnten in den letzten Jahrzehnten unbefriedigende Abkömmlinge einer ehemals hervorragenden Schrift entstehen [1].

 

Die Antiqua-Schriften sind heute eine weit verbreitete Schriftgruppe, und dienen, zumindest in Printmedien, vorrangig zum Setzen von längeren Lesetexten. Nicht umsonst werden beispielsweise Romane praktisch ausnahmslos in einer Antiqua gesetzt, denn sie, im Gegensatz zu einer serifenlosen Schrift, ermüdet durch ihre abwechslungsreichen Buchstabenformen und die durch die Serifen bedingte Zeilenbildung das Auge kaum.

 

Doch nicht jede Antiqua ist gleich, und nicht jede zeichnet sich durch hervorragende Lesbarkeit aus. So haben sich Antiqua-Schriften seit der Renaissance, als in Europa die ersten Drucktypen entstanden sind [2], in vielfältiger Weise aus dem mit Tinte und Feder gezeichneten Strich weiterentwickelt; und als sie schließlich im Klassizismus auflebten, ist ihr Duktus durch teilweise extrem starke Strichstärken-Unterschiede charakterisiert (Bodoni, Didot). Schriften dieser Art bedürfen einer besondere Pflege, denn im Druck können ihre zarten Serifen leicht wegbrechen, wenn sie nicht ausreichend groß und mit entsprechendem Durchschuss gesetzt werden; und auch reinweißes Papier harmoniert nicht gut mit ihnen, denn es überstrahlt die Buchstaben.

 

Auf der Suche nach der »perfekt lesbaren« Schrift besann man sich daher immer wieder auf die Antiqua-Formen der Renaissance und des Barock (die, anders als in Kunst und Architektur, von den übertriebenen Ausformungen weitgehend verschont geblieben sind), und stellte fest: Was vor 500 Jahren schon gut aussah, das gefällt auch heute noch [3].

 

Und so sind es besonders die Antiqua-Schriften der französischen Renaissance, die immer wieder kopiert werden und denen nachgeeifert wird, sodass uns heute Dutzende sog. Garamonds zur Verfügung stehen. Tatsächlich gibt es die Garamond nicht; zahlreiche Schriftenhersteller haben sie von originalen Musterblättern kopiert und erweitert, neue Schnitte und Design-Größen ergänzt. Digitalisierte Versionen werden kommerziell oder unter freier Lizenz vertrieben, teilweise als Klon unter neuem Namen. Das Überangebot an Garamonds ist einerseits eine Quelle der Inspiration, anderseits ein Leid, wenn man sich für die eine oder andere zu entscheiden hat. Einige Designer orientierten sich dabei bestmöglich an Garamonds Original-Typen, andere fußen auf den ursprünglichen Vorlagen und wurden für moderne typografische Ansprüche und Druckmaschinen umgezeichnet. Letztlich hängt es von der Qualität der Buchstabenzeichnung als auch der behutsamen und durchdachten Zurichtung der Schrift ab, ob der Text im Druckbild fleckig und unausgeglichen, oder aber von hohem Grauwert, leicht lesbar und willkommen wirkt.

 

Man beachte auch, dass sich nicht jede der besser lesbaren Antiqua-Schriften für jede Textart eignen. Beispielsweise lagen für Renaissance-Antiqua ursprünglich keine fetten Schnitte vor; erst die moderne Interpretation und der Ausbau des Zeichenumfangs ermöglichen auch den Einsatz für einen komplex strukturierten Text, beispielsweise eine wissenschaftliche Arbeit mit zahlreichen mathematischen Zeichen und Diakritika [4], griechische Buchstaben usw.

 

Die Antiqua-Schriften können meist einer der vier folgenden Stilepochen zugeordnet werden. Die Jahreszahlen der Stilepochen der Schriften-Evolution stimmen nicht zwingend mit denen aus Kunst, Architektur usf. überein! Auf die Eigenheiten jeder einzelnen Gruppe wird hier nicht eingegangen.

 

  • Antiqua der venezianischen Renaissance (1400–1600) = Humane
  • Antiqua der französischen Renaissance (1400–1600) = Geralde
  • Antiqua des Barock (1600–1760) = Réale, »Übergangsantiqua«
  • Antiqua des Klassizismus (1760–1830) = Didone

Fußnoten

[1] Früher wurden in Metall gegossene Stempel so geschnitten, dass die Breite der Druckfarbe mit einbezogen wurde. Das bedeutet, dass man bestimmte Stellen am Stempel dünner schnitt, weil man erwartete, dass die Druckfarbe beim Aufpressen zwischen Stempel und Papier seitlich ausquillt. Indem man die Stempelform dünner schnitt, ergab sich, selbst bei ausgequetschter Tinte, eine harmonische, nicht zu breite oder fleckige Buchstabenform. Moderne »Digitalisate« alter Schriften zeichnen aufs Mikrometer genau die Form der Stempel nach; ein moderner Drucker druckt diese Typen dann knackscharf auf Papier; dicke Druckertinte, die seitlich ausgequetscht wird, gibt es da nicht mehr. Dementsprechend unharmonisch oder fleckig kann eine heutige Interpretation (ohne Anpassung) alter, guter Schriften werden.

 

[2] Tatsächlich beherrschten die Chinesen Jahrhunderte vor den Europäern den Druck mit Typen aus Holz und Metall.

 

[3] Mit anderen Worten: Die Mediäval-Antiqua ist, ebenso wie eine Schere oder ein Knopf, schon vor Jahrhunderten vollständig ausgeformt worden, und bedarf im Grunde keiner wesentlichen Weiterentwicklung, wie man sie bis heute weiter auszuformen und zu verbessern sucht. Daneben sei auch auf die ständige Umformung der Ziffern verwiesen, die in einer Mediäval-Antiqua wie einer Garamond bereits die maximale Unterscheidbarkeit (Ober-/Unterlängen!) gewonnen haben.

 

[4] Die Antiqua-Schriften wurden ursprünglich für die lateinische Schrift entwickelt, der bekanntlich diakritische Zeichen fehlen.