Folgenden Fund machte ich Anfang 2026 in einem Schulbuch meines Kindes:
Die eigentlichen Arbeitsheft-Seiten kann ich aufgrund des Urheberschutzes nicht direkt abbilden – aber den betreffende inhaltlichen Teil wiedergeben. Wer's nicht glaubt, muß sich halt das betreffende Arbeitsheft besorgen.
Thema der Seite sind »typische Buchstabenverbindungen«. Unter Punkt 2 wird aufgefordert, »die nachfolgenden Sätze aufmerksam durchzulesen«. (Rote Hervorhebungen von mir)
[Zitat-Beginn]
Einige Wört im Text sind unterstrichen.
Sieh sie dir an und ergänze den Satz darunter.
1 Vor Milliarden Jahren war die Erde trocken und heiß.
2 Die Erde besteht zu einem großen Anteil aus Quarz und Wasserstoff.
3 Diese beiden Elemente haben durch den Druck und die Hitze im Erdkern miteinander reagiert und sind verschmolzen.
4 Das Ergebnis war Wasser und es gelangte aufgrund von Erdbeben als Dampf an die Oberfläche.
5 Ein Teil davon verdampfte durch Sonnenstrahlen in der Atmosphäre, wo es sich in Wolken sammelte.
6 Der Wasserkreislauf entstand.
7 Nur durch Feuchtigkeit konnte überhaupt Leben entstehen.
8 Andernfalls würde es auch kein Trink- und Grundwasser geben.
[Zitat-Ende]
Für das Zitat nicht übernommen wurden die angekündigten Unterstreichungen und Kursivierungen derjenigen Wörter, die die zu übenden Buchstabenverbindungen enthalten (st, qu, sp usw.). Sie sind hier nicht relevant, sondern allein die skandalös falsche Schilderung der Entstehung von Wasser. (Nachfolgend soll der Schüler betreffende Wörter herausschreiben.)
Als Erdwissenschaftler weiß man gar nicht, wo man mit den Korrekturen anfangen soll. Im ersten Moment habe ich gestaunt, wie viele Falschinformationen man in einem so kurzen Text unterbringen kann. Fangen wir mal an:
In Satz 2 wird behauptet, »die Erde bestehe zu einem großen Anteil aus Quarz und Wasserstoff«. Das ist selbstverständlich Unfug. Das Erdvolumen besteht zum größten Teil aus dem Material des Kerns (16 % des Erdvolumens, 32 % der Erdmasse) und Mantels (83 % des Erdvolumens, 67 % der Erdmasse); die Kruste ist da von untergeordneter Bedeutung (zur Vorstellung: durchschnittliche Krustendicke entspricht ungefähr einer Briefmarke, die man auf einen normalen Schulglobus klebt). Innerer und äußerer Kern bestehen aus geschmolzenen und teilgeschmolzenen Metallen (Eisen/Nickel), vermutlich mit Beimischungen von ein paar Nichtmetallen wie Schwefel, um Dichteunterschiede zu erklären. Der Erdmantel besteht überwiegend aus ultramafischen Gesteinen, und unter den mafischen Mineralen überwiegen Oxide mit Magnesium, Aluminium, Silizium, Eisen, Calcium, Natrium und Kalium. Eben Silikate in ihrer Vielfalt. Nur in der Erdkruste findet man wieder einen erhöhten Anteil felsischer Minerale wie Quarze und Feldspäte (zusammen = »Granitoide«), jedoch auch nur in der kontinentalen, nicht ozeanischen Kruste.
Dazu kommt ein Mißverständnis seitens der Autoren, wie irre flüchtig Wasserstoff eigentlich ist. Das würde weder als Ion noch Molekül im Erdinneren »herumschweben«, sondern stets gebunden. Selbst in der Erdatmosphäre ist es nur in Spuren nachweisbar (höchste Schichten: winzige Mengen Tritium). Was in der Frühzeit der Erde vielleicht mal als Wasserstoff vorhanden war (früherdgeschichtliche Wasserstoff-Sauerstoff-Hülle), hat sich längst in den Weltraum verflüchtigt. (Vielleicht verwechselte der Laien-Autor den Ausdruck »überwiegend Wasserstoff« mit der Zusammensetzung von Sternen?)
Weiter geht es mit der Behauptung in Satz 3, daß »diese beiden Elemente durch den Druck und die Hitze im Erdkern miteinander reagiert haben und dabei verschmolzen sind«. – Hier fehlt offenbar schon das Grundwissen, was ein Element und was ein Mineral ist. Wasserstoff ist ein »Element«, keine Frage. Aber Quarz ist ein Mineral mit der chemischen Zusammensetzung SiO2, demnach bestehend aus zwei Elementen, nämlich Silizium und Sauerstoff. Zweitens ist es schwierig, diese beiden Zutaten im Erdkern verschmelzen zu lassen, wenn sie dort nicht vorkommen. Drittens wäre es selbst unter Idealbedingungen nicht denkbar, daß »Quarz« und »Wasserstoff« unter hohem Druck/Temperatur miteinander reagieren (wäre mittels Reaktionsenergien und Phasendiagrammen mal eine Studie wert). Vorher suchen sie sich andere Reaktionspartner, als daß da am Ende »Wasser« herauskäme! Wasser entsteht ja nicht durch Reduktion von Quarz!
In Satz 4 wird behauptet, daß »das Ergebnis Wasser sei und dieses aufgrund von Erdbeben als Dampf an die Oberfläche gelangte«. Auch hier besteht ein Mißverständnis, wie für Laien Geologie funktioniert: Erdbeben gibt es nicht, weil die Erde »da« ist, sondern Erdbeben sind gebunden an sprödes Material, das man überwiegend in der Lithosphäre findet. Darunter (tiefer) wird Gestein aufgrund der Temperatur duktil (»zähflüssig«), so daß sich gar keine Spannung mehr aufbauen kann, die sich in einem Erdbeben entlädt. Die tiefsten nachweisbaren Erdbebenherde liegen in einer Tiefe von ca. 700 km, und das auch nur unter Subduktionszonen. Erdbeben haben also nichts mit Erdkern oder Erdmantel (im Ganzen) zu tun.
Zuletzt noch ein Wort zum rot unterstrichenen Satz, wonach es »sonst kein Trink- und Grundwasser geben« würde. Auch hier fehlt es den Autoren an Grundbildung: Die stilistische Formulierung impliziert, daß Trink- und Grundwasser nebeneinanderstehen, gleichberechtigt sind. Tatsächlich ist Trinkwasser stets eine Untermenge von Grundwasser, nie umgekehrt. Man sollte also besser schreiben: »da es sonst kein Grundwasser gäbe, aus dem wir größtenteils unser Trinkwasser gewinnen« o.ä. Nebenbei bemerkt, gibt es noch eine Zwischenstufe namens Rohwasser: Aus Grundwasser wird Rohwasser gefördert, das nach Aufbereitung zu Trinkwasser wird.
Es ist bemerkenswert, daß die Theorie ungenannt bleibt, wonach in der Erdfrühzeit der Großteil des heute vorkommenden Wassers wahrscheinlich über Kometen-Eis zu uns kam.
Diese ganze Erklärerei mit Quarz und Wasserstoff ist reiner Nonsens und so an den Haaren herbeigezogen, dass man annehmen muss, der Autor hat sich das schlichtweg ausgedacht! (Ich fürchte: Er hat eine »KI« befragt!)
Zur Entschuldigung darf man aber nicht aus den Augen verlieren, daß die oben gezeigte Seite nicht aus einem naturwissenschaftlichen Schulbuch (etwa Geografie) stammt, sondern aus einem Deutsch-Arbeitsheft. Inhaltlich geht es um Buchstabenverbindungen wie »Qu« in »Quarz«, schon klar. Aber hätte man für die Buchstaben »st« nicht auch »Sauerstoff« nehmen können? Dann hätte man Quarz + Sauerstoff über die chemische Zusammensetzung erklären können, und das Wasser außen vor gelassen. Ich verwende in meinen Unterlagen, z.B. das Dokument über Mikrotypographie, ebenfalls »Beispielsätze«, um bestimmte typografische Auswirkungen zu zeigen. Der Unterschied ist hier jedoch: Ein Schulbuch hat ein Kind vor der Nase, das im Zweifelsfall dessen Inhalt glaubt, oder aufgrund Reife zumindest nicht unterscheiden kann, ob ihm Blödsinn vorgesetzt wird.
Es ist empörend, daß trotz aller »Konstruiererei« so eine groteskte Falschinformation über die Entstehung von Wasser herauskommt, die die neugierigen Kinder als »Wissen« mit nach Hause nehmen. Mit etwas Wohlwollen könnte man von »schlechtem Beispiel« sprechen, aber dieses Wohlwollen gewähre ich nicht: Was sich der Cornelsen-Verlag hier geleistet hat, ist bestenfalls peinlich, aber eigentlich fahrlässig. Wir wundern uns, daß Schulkinder immer dümmer werden, wenn schon beim Schulbuchverlag nur noch naturwissenschaftliche Laien sitzen?
Man kann nur hoffen, daß Seiten wie diese in der nächsten Auflage von einem Fachmann, vielleicht auch nur von einem Lektor mit etwas Grundbildung gegengelesen werden.